Dear Hanoi

deine Straßen summen voller Chaos, dezent dekoriert mit Verkehrsschildern, die wohl noch niemand je betrachtet hat. Stromkabel hängen wie Wäscheleinen über den belebten Altstadtgassen, die stets von lautem Hupen erfüllt sind. Der Klang verschmilzt  mit deinen Straßen, wie Stille klingt, das ist hier schwer zu sagen.

 

 

Wie auf wundersame Weise, schaffe ich es immer wieder unversehrt auf die andere Straßenseite. Schnell hab ich verstanden, was dein Geheimnis ist: nicht stehen bleiben, einfach durch den niemals stillstehenden Blechwald fließen, als hättest ich nie etwas anderes getan, dann tanzen deine Motorräder um mich herum,  wie eine perfekt einstudierte Choreographie.  Von allen Seiten gleichzeitig balancieren sie um mich herum, als wäre das nur selbstverständlich und  dieser ganze Wahnsinn nicht erwähnenswert, denn für dich ist er normal. Und ich mag es kaum glauben, dass ich es sage, doch schnell wird deine Normalität zu meiner und so wandere ich durch deine vibrierenden Straßen, als hätte ich  mein Leben lang nichts anderes getan.

 

Hanoi Fahrad

 

Deine Altstadt,  ein buntes überfülltes Gewirr von engen Straßen, sie sind treu geblieben den Gilden aus alten Tagen.  Die eine Straße voll von Silber Schmuck, die nächste voller Schuhe, ein Straßenzug für Bambus, im Durcheinander will schließlich  alles seine Ordnung haben. Das lässt mich ein wenig schmunzeln.

Deine Vorliebe für gefälschte North face Kleidung, musst du mir bei Gelegenheit einmal erklären, denn sie ist wirklich überall.  Deine Häuser sind schmal, doch sie haben Persönlichkeit.  Vielmehr bin ich verblüfft von deinen Hockern und Stühlen in all den Straßencafes. Sie sind so klein und so nah am Boden, als hättest du sie aus dem Kindergarten gestohlen. Doch auch das gewinne ich schnell lieb und frag mich warum es so etwas bei uns nicht gibt.

 

Hanoi Altstadt

 

Ich hab ein gutes Gefühl bei dir, ohne zu wissen warum, aber ich fühl mich auf Anhieb wohl, so gar nicht  fremd, wie bei einem alten Freund, den man schon ewig kennt. Du bist herzlich und hilfsbereit, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Ich sehe dem Treiben auf deinen Straßen gerne zu. Ich mag deine Gegensätze, alt und neu, schnell und langsam, alles scheint perfekt verwoben, bei dir fühl ich mich gut aufgehoben.

 

 

Hanoi bei Nacht

 

 

Wer hätte das gedacht, deine Kathedrale erinnert mich an Europa, vielleicht Paris, als hätte man sie entführt und versehentlich in deiner Innenstadt platziert. Ich mag die kleinen chinesischen Tempel, von denen es nicht viele gibt, sie verschmelzen mit den Straßenzügen und schnell hat man sie übersehen, doch es lohnt sich, bleibt man erst einmal stehen.

 

Hanoi Tempel

 

Ich weiß nicht wann, doch sicher ist, eines Tages werde ich gerne wiederkommen, ich möchte sehen was geworden ist aus meinem wundervoll geliebten Chaoskind.

 

Claudia

 

 

4 Comments

  • Sophia sagt:

    Liebe Claudia,
    einen tollen Schreibstil hast Du. Macht Spaß den Text zu lesen 🙂
    Ich war vor einigen Jahren auch in Vietnam – allerdings in Ho Chi Minh City. Auch ich war am ersten Tag einfach nur völlig geflasht von dem irren Verkehr. Aber es macht auch irgendwie Spaß 😉
    Liebste Grüße aus Hamburg,
    Sophia
    http://miss-phiaselle.com/

  • Martin sagt:

    Klasse Text und toller Schreibstil. Wir waren auch vor wenigen Wochen in Hanoi. Es ist und bleibt eine Stadt in die man immer gerne zurück kehrt. Mich treibt es hier, seit meinem Praktikum vor 7 Jahren, immer wieder hin.
    Generell auch eine tolle Idee mit der „ein Brief an“-Serie. Wir werden folgen, weiter so 😉

    Liebe Grüße,
    Martin
    http://mindyourtrip.com

  • Magdalena sagt:

    Sooo schön! Wunderbarer Text und ich finde mich zu 100% wieder.

    Der erste Tag war so chaotisch, der viele Verkehr, die Menschen, die Sprache und Schrift, die Stromkabel und und und. Aber nach nur wenigen Stunden fühlte ich mich ebenfalls einfach angekommen und zu Hause.

    Ich werde auch definitiv wieder kommen.

    Liebe Grüße
    Magdalena

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