Dear São Miguel

 

São Miguel ist die größte der neun Azoreninseln. Tipps zum Wandern auf den Azoren findest du hier

 

Dear São Miguel,

ich wandere durch deine wilde Einsamkeit, keine Menschenseele weit und breit, als hätte sich deine Natur in den letzten paar Millionen Jahren im Dornröschenschlaf vergraben. Wie du da liegst, mitten im Atlantischen Ozean, in alle Richtungen tausende Kilometer nichts als Wasser, nichts als tosende Wellen, weit weg von Allem, interessiert der Rest der Welt dich nicht. Du hast deinen Rhythmus, deine Prioritäten, du vergleichst dich nicht, weißt, dass du einzigartig bist. Und plötzlich hab auch ich vergessen, wie spät es ist. Hab irgendwo beim Abstieg zum Vulkansee mein Zeitgefühl verloren und keinen Drang es auf dem Rückweg wieder hervorzuholen. Die Realität kann mir gestohlen bleiben, ich mag mir lieber im Niemandsland die Zeit vertreiben. Da wo die Hortensienbüsche mich überragen und meine Füße durch türkisblaues Wasser waten. Da wo es nach Stille klingt und mein Blick grüne Kraterwände erklimmt. Da wo der Schlamm blubbert und der Boden dampft, da wo ich hinab sinke in heiße Quellen, mitten im Wald, wo der Baumfarn die Sonne abschirmt und der Wasserfall die trommeln spielt. Und ich wünsche mir, ich wünsche dir, dass das so bleibt, dass keiner kommt und sich deine Natur einverleibt. Du bist nicht massentauglich und das schätze ich sehr, du gefällst mir besser so ein wenig verquer.

 

 

Ich klettere aus dem Dachfenster meines Zimmers und blicke über die Dächer von Ponta Delgada, über die verwinkelten Innenhöfe und Dachterrassen. Meine nackten Füße ruhen auf den roten Dachpfannen und ich genieße die wärmende Abendsonne. Ein Buch in der einen, ein Glas Wein in der anderen Hand sitze ich hier bis das Licht verschwunden ist, bist der Himmel schwarz, bis die Sterne die Nacht erhellen und alles was ich höre das Rauschen der Wellen ist. In diesem Moment will ich nicht mehr weg, wünschte die Zeit wäre eine endlose Wiederholungsschleife. Ich träume von einem Stück Alltag hier und nicht nur von einem kurzen Zwischenstopp bei dir.

 

 

Weiter führt mich der Weg nach Ribeira Grande. Auch hier klettere ich durchs Dachfenster wie Peter Pan und verfolge, aufgeregt wie ein Kind, das bunte Marktplatztreiben zu den neuntägigen Heiligenfeierlichkeiten. Tausende Glühbirnen erleuchten die Kirche in bunten Farben und tanzen zu portugiesischem Schlager durch die Nacht. Einen Augenblick weiß ich nicht, hab ich mich vielleicht nach Las Vegas verfahren? Die Stimmung ist ausgelassen, das Glück wabert durch die Straßen, entlädt sich in einem Feuerwerk am späten Abend.

 

 

Es ist Zeit zu gehen, doch ich bin mir sicher wir werden uns wieder sehen. Du hast mich erobert auf den ersten Blick und wir beide wissen genau, ich komm zurück.

Claudia

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