Ausflug auf den Kinzigtäler Jakobsweg

 

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2016 bin ich 200km auf dem Camino francés durch Spanien gelaufen und habe Santiago de Compostela an einem sonnig warmen Septembertag erreicht. Eineinhalb Wochen lang war ich vor Sonnenaufgang auf den Beinen und wanderte jeden Tag zwischen 20-30 km fernab jeglicher Zivilisation (hier geht es zum Reisebericht). Fernwanderwege und mehrtägige Wanderungen üben seitdem eine Magie auf mich aus, der ich mich nicht mehr entziehen kann.

Als es mal wieder unter meinen Füßen kribbelt, kommt mir die Idee, warum nicht einen mehrtägigen Ausflug auf den Jakobsweg machen? Was den Jakobsweg zum perfekten Kandidaten für eine lange Wochenendwanderung macht ist, dass es in ganz Europa eine Vielzahl von Jakobswegen gibt, die am Ende alle nach Santiago führen. Die Chance, dass ein Jakobsweg auch irgendwo in deiner Nähe vorbeiführt, ist daher gut. Zweiter Pluspunkt, es bedarf keiner Planung bzgl. der Strecke, einfach den gelben Pfeilen oder Muschelsymbolen folgen.
2016 bin ich alleine gewandert, dieses Mal wandere ich gemeinsam mit einer Freundin. Die Entscheidung fällt auf den Kinzigtäler Jakobsweg. Wir entscheiden uns von Offenburg über die französische Grenze bis nach Straßburg zu wandern.

Wandern bei 35 Grad

Der Wecker klingelt um 5.30 Uhr und ich bin ungewöhnlich wach und gut gelaunt für diese nachtschlafende Uhrzeit. Ich liebe die frühen Morgenstunden, wenn der Rest der Welt noch friedlich schläft und keine brummenden Autos den morgendlichen Frieden stören. So ohne Menschen scheint es ein ganz anderer Ort zu sein. Ich verlasse das Haus und trotz der noch frühen Stunde ist es bereits warm. Ein kleiner Vorgeschmack auf die 35 Grad im Schatten, die uns heute erwarten. Kurz denke ich mir, was hab ich mir nur dabei gedacht, bei den Temperaturen wandern zu gehen. Den Gedanken verwerfe ich aber schnell wieder und warte mit einem Becher Kaffee in der Hand und einem Lächeln im Gesicht auf den Zug nach Offenburg.

Der erste nicht zu übersehende Unterschied zum Camino Francés: hier ist wirklich nichts los, GAR NICHTS. 22 Kilometer lang begegnen wir keinem anderen Wanderer und auch sonst kaum einer Menschenseele. Die Einzigen, die sich vor Freude über unsere Anwesenheit gar nicht mehr einkriegen können sind die Bremsen. Als wollten sie mit uns Tango tanzen, scheuchen sie uns durch die Gegend, während wir bemüht sind, uns nicht noch einen weitern Biss dieser kleinen Biester einzufangen. Irgendwann wird es auch den Bremsen zu heiß, sie geben auf. Die Sonne knallt vom wolkenfreien Himmel: 36 Grad. Bis jetzt ist es trotz der Temperaturen eine erstaunlich angenehme Wanderung, die erste Etappe führt größtenteils durch den Wald oder am Waldrand entlang und so wechseln sich Sonne und Schatten in angenehmen Abständen ab. Im hohen Gras erblicken wir eine Storchenfamilie und in einiger Entfernung überquert ein Reh den Weg vor uns. Wir sind noch nicht mal eine Stunde unterwegs und ich fühle mich so entspannt, als wäre ich bereits seit einer Woche im Urlaub.

Nachdem wir den Wald hinter uns gelassen haben, reiht sich ein Feld an das nächste und wir rätseln eine ganze Weile, was denn hier angebaut wird, ohne eine zufriedenstellenden Antwort zu finden. Als wir hinter der nächsten Ecke einen Bauernhof entdecken, ergreifen wir die Gelegenheit, uns nach der mysteriösen Pflanze zu erkundigen, die sich als Tabak entpuppt. Die Tabakfelder erstrecken sich kilometerlang und wir genießen den Anblick.

Langsam macht sich die Hitze dann doch bemerkbar, aber beinahe genau zur richtigen Zeit entdecken wir hinter einer Wand aus Bäumen und Sträuchern einen Baggersee. Das Wasser ist so klar und türkisblau, dass mancher Karibikstrand neidisch wäre. Schwimmen darf man hier zwar leider nicht, aber unsere Füße freuen sich über eine wohlverdiente Abkühlung im Wasser.

Auf der Suche nach einem Happen zu Essen verlassen wir den Jakobsweg kurz, als wir die Gaststädte am Dorfeingang entdecken schlägt unser Herz höher, umso größer die Enttäuschung, als wir feststellen, dass hier schon lange keine Gaststädte mehr ist. Man schickt uns zur einzigen verbleibenden Gaststätte des Dorfes, die natürlich soeben zur Mittagspause geschlossen hat. Also auch hier weder die erhoffte Pause, noch etwas zu Essen. Scheinbar sehen wir recht mitleiderregend aus, so in der prallen Sonne mit hochroten Köpfen, sodass sich die Kellnerin erbarmt und uns kurz hinein bittet, damit wir zumindest unsere Wasserflaschen auffüllen können.
War die Wanderung bis hierher wirklich sehr schön, wollen es die letzten 6 km bis nach Kehl von uns wissen. Der Weg führt durch die pralle Sonne über einen Damm, nirgendwo auch nur ein Hauch von Schatten. Wir halten die Stimmung hoch, indem wir uns ausmalen, wo wir heute Abend köstlich essen werden und keiner kann die eiskalte Dusche abwarten.

Das tolle an langen Wanderungen, wenn man am Ende des Tages sein Etappenziel nach 20-30 km erreicht sind ganz normale Dinge, wie das Abendessen oder eine Dusche plötzlich fast ein spektakuläres Ereignis und man kann es gar nicht mehr abwarten. Nachdem also der Magen voll und die Sonne endlich hinter dem Horizont verschwunden ist, lassen wir den Abend auf dem Balkon eines wundervollen kleinen B&B ausklingen. Es gibt nur zwei Zimmer, über die Wandfarbe lässt sich zwar eindeutig streiten (selbst Barbie wäre das zu viel Pink) aber abgesehen davon, könnte es nicht besser sein. Die Inhaber eine Schottin und ein Italiener sind sehr herzlich und das Frühstück, was sie am nächsten morgen nur für uns, die einzigen Gäste, servieren, ist so unfassbar gut und liebevoll zubereitet, dass wir geschlagene zwei Stunden frühstücken. Nur deshalb würde ich noch einmal herkommen. Somit kann ich das B&B Mungo und Hugo nur empfehlen.

Als wir endlich aufbrechen, ist es fast Mittag. Eine Weile führt der Weg direkt am Rhein entlang, bis wir schließlich die Brücke nach Frankreich überqueren. Die erste Grenze, die ich je zu Fuß passiert habe. Theoretisch sind wir schon in Straßburg, praktisch führt der Weg durch wenig ansprechende Außenbezirke mit viel Verkehr, bis wir schließlich die Innenstadt erreichen. Wer Fachwerkhäuser liebt, der ist hier im Paradies, ein Gebäude schöner als das andere.

Praktische Tipps

Im Gegensatz zu den bekannteren Jakobswegen, waren hier die Wegmarkierungen zwar da, aber an manchen Weggabelungen nicht eindeutig, die GPS Funktion des Handys kann somit durchaus nützlich sein.
Auch immer genug Wasser und Snacks dabeihaben. Denn manche Strecken führen nur durch die Natur oder es gibt in einem Ort schlichtweg keine Einkaufsmöglichkeit.

Ein absolutes Muss ist auch die richtige Funktionskleidung. Glaubt mir, Wander-/Laufsocken machen einen Unterschied, eure Füße werden es euch danken. Auch spezielle Lauf-Shirts und Hosen haben gleich zwei Vorteile. Sie sind nicht nur atmungsaktiv und deutlich angenehmer zu tragen, wer mehrere Tage oder gar Wochen wandert, muss seine Kleidung immer wieder waschen. Funktionskleidung trocknet hier nicht nur deutlich schneller, sondern ist auch gänzlich faltenfrei. Einen Überblick rund ums Thema Laufbekleidung, findet ihr bei  21RUN