Soweit die Füße tragen – Jakobsweg Reisebericht

 

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Der frühe Vogel fängt den Wurm

 

Jakobsweg Reisebericht

 

Der Morgen dämmert und langsam verblassen die Sterne am wolkenlosen Septemberhimmel.  Beim Verlassen der Herberge schlägt mir kühle Luft entgegen, aber es lässt sich bereits ein schöner Herbsttag erahnen. Die frische Morgenluft wirkt wie ein doppelter Espresso, die Müdigkeit verschwindet sofort und weicht der Vorfreude aufs Wandern.   Ich laufe durch die Gassen  der  Stadt, um wieder auf den Jakobsweg zu gelangen.  Wie die Ameisen stoßen immer wieder aus allen Ecken und Winkeln Wanderer zu mir auf den Weg.

 

Jakobsweg

 

Pilger sind Frühaufsteher. Sie verpassen keinen Sonnenaufgang, sind stets vor dem Hahn wach und bevor die Sonne den Morgentau von den Wiesen vertreibt. Normalerweise gibt es für mich ohne Frage Schöneres, als mich um kurz nach 6 aus dem Bett zu quälen, doch hier macht es mir absolut nichts aus. Die frühen Morgenstunden, fernab, von jeglicher Zivilisation, sind für mich die schönsten. Dann, wenn noch dichter Nebel in den Feldern hängt, die Sonne an einem türkisblauen Himmel aufgeht und die Wolken in ein kräftiges Feuerrot taucht. Und ganz pragmatisch: in den ersten Stunden des Laufens schmerzen meine Füße noch nicht so sehr.

 

Jakobsweg Reisebericht

 

Auf einem anderen Planeten

Meist wandere ich erst ein bis zwei Stunden, bevor ich in einer Bar auf dem Weg, zum Frühstücken halt mache. Die Vorfreude auf frischgepressten O-Saft, Kaffee und Tostadas con tomate, halten meine Stimmung in der Regel auf einem guten Niveau. Mit Essen kann man mich immer glücklich machen. Die Bars auf dem Weg liegen nicht selten in Dörfern, die nur aus wenigen Häusern bestehen, wovon gefühlt die Hälfte leersteht. So sind die Pilger, wie auch sonst oft, unter sich. Mein normales Leben scheint schon nach den ersten Tagen ganz weit weg, dazu trägt die Umgebung bei, aber vielleicht auch meine selbstauferlegte Social Media Abstinenz.

Die Welt des Pilgerns funktioniert irgendwie anders, hat ihren ganz eigenen Rhythmus und ihre Regelmäßigkeiten. Aufstehen, 6-8 Stunden laufen, Herberge finden, duschen und dann das beste Pilgermenü im Ort ausmachen. In der Regel drei Gänge Menü für 10 Euro, dessen Qualität zwischen Himmel und Hölle schon alles gesehen hat. Während des Wanderns trifft man meist keine Menschenseele, abgesehen von seinen Mitpilgern und auch die meisten Dörfer existieren nur noch aufgrund der Pilger, ganz normales Alltagstreiben bekomme ich nur äußerst selten in einer der etwas größeren Städte zu Gesicht.

 

 

Die Landschaft auf dem Jakobsweg habe ich nicht so wahnsinnig schön erwartet, genauso wenig, wie ich so viele Blasen an meinen Füßen erwartet habe. Die ersten 60km bringe ich mit gesunden Füßen hinter mich, aber als es am darauffolgenden Tag kilometerlang auf unebenem Gelände steil bergab geht, kann ich gleich mehrere Blasen an meinen Füßen spüren.

 

Eine Schmerzensangelegenheit

Jakobsweg Reisebericht

 

Die nächsten Tage werden ein wenig zur Nervensache, denn alles was schief gehen kann, geht gleichzeitig schief. Meine Füße schmerzen bei jedem Schritt und in der Nacht zuvor hatte ich das Vergnügen in einer Herberge zu übernachten, die offensichtlich ein Problem mit Bettwanzen hat. Meine Beine sind von juckenden Stichen übersät und auch mein Gesicht hat auch genügend Stiche abbekommen. Dazu haben noch Geschichten von Übergriffen auf Pilger die Runde gemacht, die ein Kopfkino in Gang gebracht haben, auf das ich liebend gerne verzichtet hätte. In diesen Tagen kommt mir jeder Kilometer wie eine halbe Ewigkeit vor, ich habe kein Auge mehr für die schöne Landschaft, noch für sonst irgendetwas, will einfach nur am Etappenziel ankommen. Mehr als einmal frage ich mich, warum ich mir das überhaupt antue.

 

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Rückblickend lehrt mich der körperliche Schmerz in diesen Tagen auch etwas über emotionale Schmerzen. Weil die Blase an meiner Ferse so schmerzt, gewöhne ich mir unbewusst einen seltsamen Laufstiel an, um die schmerzende Ferse weniger zu belasten. Das hat im Endeffekt zur Folge, dass durch mein seltsames Laufen, meine Muskeln ziemlich schmerzen und sich eine neue Blase am Zeh bildet, beides zusammen tut im Endeffekt mehr weh, als wenn ich normal auf der Ferse gelaufen wäre.  Als ich das bemerke, denke ich mir, Körper und Geist sind sich diesbezüglich vielleicht gar nicht so unähnlich. Im allgemeinen beschäftigen Menschen sich eher ungerne mit ihrem emotionalen Schmerz, verdrängen manchmal lieber, als ihn zuzulassen. Aber zu ignorieren, was eigentlich weh tut, führt meist nur zu einer Verlagerung des Schmerzes auf einen anderen Bereich. Deshalb besser angemessen um den eigentlichen Schmerz kümmern, bevor er sich auf andere Bereiche ausdehnt.

 

Oh Happy Day

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Meinen Füßen geht es endlich wieder gut und ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich jeden Tag mehr und mehr genieße. Die Sonnenaufgänge zaubern mir weiterhin ein glückliches Grinsen aufs Gesicht, aber auch der immer wieder auftauchende dichte Nebel fasziniert mich. Von Portomarín wandere ich in der Dämmerung durch einen nebelverhangenen Wald. Hin und wieder geben die Bäume einen Blick auf die Felder frei. Ich kann mich der Mystik dieses Ortes nicht entziehen. Geheimnisvoll und faszinierend, ich genieße jede Sekunde. Nach einiger Zeit sind meine Haare ganz nass vom Nebel und kleine Wassertropfen bilden sich auf meinen Wimpern. Jeden Tag verpasst mir die Landschaft auf dem Jakobsweg erneut eine Gänsehaut.

 

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Als wir die Grenze nach Galizien überschreiten, ändert sich mit der Grenzüberquerung auch die Landschaft schlagartig. Nach tagelangem auf und ab durch die Berge, ist plötzlich alles flach und sieht aus als wäre ich gerade aus dem Flieger nach Irland oder Cornwall gestiegen. Sattes Grün, wohin ich schaue und alte Natursteinmauern, von Moos überwuchert. Santiago rückt immer näher und nachdem wir den 100km Stein bis Santiago hinter uns gelassen haben, wird es auf Teilstrecken auch merklich voller, denn wer sich am Ende die Pilgerurkunde abholen will, der muss mindestens 100 km gelaufen sein und so gibt es viele die hier beginnen. Auch die Tagesausflügler nehmen zu und es ist das erste mal, dass ich in einem der kleineren Dörfer so etwas wie einen Souvenierladen sehe. Die Pilger unterscheiden sich nicht nur in ihrer Persönlichkeit, sondern auch in ihren gelaufenen Kilometern sehr, von 100 km bis 2000 km ist mir alles begegnet. Gut die 2000 km sind eindeutig eine Ausnahme. Als Jan am Ziel ankommt, war er bereits seit 4 Monaten unterwegs und ist in der Schweiz losgelaufen.

 

Ein Hochseilakt

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Für mich war das Wichtigste auf dem Jakobsweg, möglichst gut auf mich, meinen Körper und das zu hören, was mir gut tut. Ganz egal, was andere denken, sagen oder meinen. Lauf den Weg, wie er für dich richtig ist. Denn für den Ein oder Anderen scheint es ein Wettbewerb geworden zu sein oder eine selbst auferlegte Prüfung, die es zu bestehen gilt.

Da kann es schon mal sein, dass die gelaufenen Kilometer insgesamt und pro Tag verglichen werden, als würde es um die Goldmedaille bei Olympia gehen, für andere sind Einzelzimmer ein no go oder den Rucksack an den nächsten Ort zu schicken, wenn die Füße schmerzen. Ein Paar hetzen gar an der traumhaften Landschaft vorbei und haben selbst für den schönsten Sonnenaufgang nichts übrig. Manche werden beäugt, weil sie zu „schmutzig“ sind, andere weil sie zu „sauber“ sind.

Kurz um, man kann es eh niemandem recht machen, aber viel wichtiger, darum geht es auch gar nicht. Finde deine eigene Balance, den Weg, der dir gut tut. Balance finden, heißt aber auch mal links oder rechts vom Balken zu fallen. Fehler machen erlaubt 😉 denn Perfektion ist einfach nur anstrengend. Ich treffe aber auch ganz andere Menschen auf dem Weg, viele sind unglaublich hilfsbereit. Was immer jemand braucht, es ist mindestens einer zur Stelle, um zu helfen. So kam ein Freund zum Beispiel zum Spitznamen Gandalf, weil er einen gewaltigen, durchaus beeindruckenden Holzwanderstock hatte. Seine Treckingstöcke, hatte er an jemanden verliehen, der sie dringender brauchte als er.

 

¿Hablas español?

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Die Bar- und Herbergsbesitzer sprechen trotz vieler internationalen Pilger oft kaum oder gar kein Englisch. Das kann durchaus einen gewissen Unterhaltungswert haben. „Ich möchte einen frischen O-Saft“, keine Reaktion, „Orange juce“ immer noch keine Reaktion, nun der Versuch auf Spanisch, so ausgesprochen, dass es keiner versteht. Das gleiche hin und her Tänzchen gibt es auch in Herbergen und Apotheken (des Pilgers Lieblingsgeschäft) immer wieder zu bestaunen. Wenn ich die Sprache des Gegenübers verstehe, versuche ich meist für sie auf Spanisch zu übersetzen, aber selbst ohne Hilfe klappt es am Ende meistens doch irgendwie. Dennoch bin ich froh, Spanisch zu sprechen, das macht mir das Leben hier nicht nur leichter, sondern verschafft mir auch einige nette Unterhaltungen, die ich sonst nicht hätte führen können.

 

Gastfreundschaft

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Die Herbergen unterscheiden sich sehr von einander, von super modern, man möchte fast sagen luxeriös, bis altbacken und dreckig, ist wirklich alles dabei und das für den gleichen Preis. Herbergen kosten zwischen 5 und 10 Euro. So unterschiedlich wie die Herbergen, sind auch oft die Abende.

Einen besonders schönen habe ich in der Casa del Carmen verbracht. Die Herberge selbst ist sehr schön und Maria und ich, die ich an diesem Abend kennenlerne, freuen uns, dass wir unser Zehnbettzimmer für uns alleine haben. Platz ohne Ende und niemand der schnarcht, man freut sich über die kleinen Dinge des Lebens. Die Herberge liegt am Ende des Ortes und ist etwas abgelegen, die meisten sind wohl schon vorher irgendwo abgestiegen, was uns nicht stört, im Gegenteil.

Am Abend wird ein großer Tisch für alle Gäste hergerichtet und so sitzen wir zu Zehnt am Tisch, mit Wasser und Wein und lassen uns von Mama Carmen köstlich bekochen. Die Stimmung und die Atmosphäre sind wunderbar, neue Freundschaften werden geschlossen, während wir nach Herzenslaune schlemmen. Den Beweis, dass der Jakobsweg einen gewissen Suchtfaktor hat, liefert Martin an diesem Abend. Der Franzose ist den Jakobsweg bereits vier Mal von Frankreich aus gegangen. Zwischen der ersten und zweiten Wanderung lagen genau 2 Wochen Pause.

 

Der Weg ist das Ziel

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Schließlich ist er gekommen, der letzte Wandertag. Der Himmel ist strahlend blau, dass Wetter sommerlich warm, schlichtweg, besser hätte es nicht sein können. Auf dem Jakobsweg, habe ich immer mehr gemerkt, dass es mir nie ums Ankommen ging, sondern viel mehr um den Weg, um das Laufen, Tag für Tag und so hält sich auch meine Vorfreude auf Santiago auch in Grenzen. Ein bisschen froh bald da zu sein bin ich zwar, aber jetzt wo ich fast da bin, wäre ich gerne noch ein bisschen länger gelaufen.

Am letzten Tag mache ich noch eine nette Wanderbekanntschaft und wir nähern uns gut gelaunt und ins Gespräch vertieft Santiago. Als wir die Vororte der Stadt erreichen laufen wir an einer Gruppe enttäuschter Wanderer vorbei, die sich den Einlauf in die Stadt irgendwie anders vorgestellt hatten, „ich dachte hier wäre jetzt wenigstens so ein Schild mit Santiago, für ein Selfi oder so“.  Wir bahnen uns weiter unseren Weg und erreichen schließlich die schmalen Straßen der Altstadt.

 

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Ich muss sagen, die Stadt ist schöner als ich erwartet habe. Immer noch folgen wir den gelben Pfeilen, können die Kathedrale aber nicht sehen und fragen uns schon, ob wir einen übersehen haben. Gerade will ich das GPS meines Handys befragen, als wir bemerken, dass wir sozusagen fast direkt vor der Kathedrale stehen die Türme lediglich von einem anderen Gebäude verdeckt waren.

Da sind wir also. Es hat schon etwas hier zu sein, aber dennoch kommt es nicht an andere Momente ran, die ich während des Weges erlebt habe. Nachdem mehrere Touristen uns, um ein Foto gebeten haben (sie wollten unbedingt mal einen echten Pilger fotografieren, was lustig und befremdlich zu gleich war) machen wir uns auf den Weg in unsere Unterkünfte, verabreden uns aber für den Abend. In Santiago feiern alle ihr großes Widersehen, manche Wanderbekanntschaften sind bereits gestern angekommen, andere werden die Stadt morgen erreichen. Jedenfalls finden ich mich an den zwei darauffolgenden Abenden in einer großen, lustigen und fröhlichen Gruppe wieder. Ich treffe alte Freunde und finde neue. Es wird bis in die Nacht gelacht, gegessen, getrunken, Geschichten erzählt und ja sogar ausgelassen auf dem Platz vor der Kathedrale zu feuriger Straßenmusik getanzt.

Und immer wieder höre ich, der Weg ist nicht zu Ende, er fängt gerade erst an …

 

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4 Comments

  • Kuno sagt:

    Das hört sich sehr beeindruckend an. Letztendlich geht es ja auch darum, sich selbst zu finden. Auch wenn es nicht immer reibunglos war, scheint es sich ja doch gelohnt zu haben. Die Fotos haben einen ganz eigenen Charme und fangen den Jakobsweg wunderschön ein! :)

  • Frank sagt:

    Hallo Claudia, vielen Dank für Deinen Bericht. Gestern abend noch habe ich mir die Verfilmung von Kerkelings „Ich bin dann mal wech“ angeschaut – und heute stolpere ich über Deinen Artikel.

    Danke für Deine Eindrücke und Fotos!

  • Christin sagt:

    Liebe Claudi,

    endlich, endlich komme ich dazu, mir deinen Beitrag durchzulesen und ich bin begeistert. Was für eine schöne Erfahrung, die du da gemacht hast! Dein Bild mit den Schmerzen finde ich super passend und dass man sich besser mal mit den Problemen auseinander setzt.

    Gleichzeitig sind es tolle Bilder.

    Wirklich inspirierende Zeilen und ich bekomme trotz meiner Lauffaulheit fast Lust, den Weg auch mal zu gehen. Das mit den Übergriffen ist jedoch Schade und ich bin froh, dass du alles heil und voller neuer Eindrücke und mit neuen Freunden überstanden hast. Toll!

    Ich freue mich schon auf deine neuen Abenteuer!

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