Reisebericht Thessaloniki – Teil 1

Schmale steile Gassen winden sich den Hügel hinauf und mit jedem Schritt wird die unter mir liegende Aussicht atemberaubender. Eine ganz Stadt zu meinen Füßen, das Meer der Horizont. Hier oben ist es still, niemanden kann irgendetwas aus der Ruhe bringen. Streunende Hunde und Katzen schlafen genüsslich mitten auf der Straße oder schlendern interessiert an dir vorbei. Dürr ist hier keiner, die Nachbarschaft scheint sich zu kümmern. Hier kennt ohnehin jeder jeden. Man lebt hier schon lange, zumindest danach zu urteilen, wie die Einheimischen mit tiefer Gelassenheit ihre Autos selbst durch die kleinste und steilste Gasse bugsieren, während jeder andere bereits vorher aufgegeben hätte. Ano Poli, was so viel wie obere Stadt bedeutet, ist ein Labyrinth aus Treppen, Straßen, Gassen, die überall und nirgendwohin führen. Jeder Spaziergang eine Entdeckungsreise. Ich möchte sagen ich bin in einem Dorf, doch tatsächlich bin ich in der
zweitgrößten Stadt Griechenlands, in Thessaloniki.

 

 

Ano Poli – ein Dorf in der Großstadt

Der Stadtteil Ano Poli, bleibt für mich jedoch zweifelsohne ein Dorf. Hier gibt es kaum  Restaurants, geschweige denn Geschäfte, auch Hostels haben es hier nur wenige hingeschafft. Touristen sieht man selten. Dabei ist Ano Poli nicht nur eine wahre Oase der Ruhe, sondern hat im Gegensatz zur Neustadt, auch noch viele hübsche alte Gebäude zu bieten. 1917 wütete ein Feuer, keiner starb, aber der Großteil der Stadt lag in Schutt und Asche, nicht so Ano Poli und vermutlich genau deshalb hat es sich seinen dörflichen Charakter bewahrt, während ein Großteil der wiederaufgebauten Stadt mit eher hässlichen Gebäuden und Lärm glänzt.
Yorgos führt seit inzwischen mehr als 3 Jahren mit seiner Free Guided Walking Tour durch die Straßen Thessalonikis. Er kann seine Freude nicht verbergen, als er am Ende der Tour seine Bouzouki vom Rücken nimmt und für uns spielt. Die Bouzouki ist eins der zentralen Instrumente des Rembetiko oder wie man hin und wieder sagt, des griechischen Blues. Er begegnet mir immer wieder, ob in Bars oder bei Straßenmusikern, bei jedem Einzelnen spüre ich, für sie ist es nicht einfach nur Musik. Es fließt durch ihre Adern, es ist Teil von dem, wer sie sind.
Nicht nur beim Rembetiko merkt man Yorgos an, dass es ihn bewegt, als wir an der frühchristlichen Kirche Osios David, ca. aus dem 5. Jahrhundert, vorbeikommen, erzählt er uns von einer alten Dame, die hier gegenüberwohnte und 40 Jahre lang jeden Tag die Kirche aufschloss. Vor kurzem sei sie mit Anfang 90 verstorben, ein Mensch von dem man viel habe lernen können. Yorgos behält recht, die Kirche ist etwas Besonderes. Sie ist winzig, gleicht von außen einem Wohnhaus und ist nur auf den zweiten Blick als Kirche zu erkennen. Hierher, mitten in die Gassen von Ano Poli, verirrt sich kaum jemand und so habe ich die Kirche für mich alleine. Die Kirche hat etwas Intimes, etwas Besonderes. Nicht nur wegen ihrer Größe. Ich sitze auf einem der Stühle, es gibt nur zwei Stuhlreihen, und betrachte das Mosaik, für welches die Kirche selbst über Griechenlands Grenzen hinaus berühmt ist, denn es ist nicht nur handwerklich ein Meisterwerk, sondern auch eine der wenigen Jesu- Darstellungen, auf denen er keinen Bart trägt.

 

Mehr meiner Skizzen findest du hier und hier

 

Eine Stadt mit vielen Facetten

Thessaloniki ist Dorf und Stadt, gar wie viele Städte in einem. Es ist idyllisch und dreckig, ruhig und chaotisch, einfach und kompliziert. Eine Stadt auf die man sich einlassen muss, wenn man sie lieben will. Eine Stadt, die viel zu erzählen hat, wenn man sie lässt.

Der Grieche trägt seinen Kaffee wie ein Tattoo, scheinbar permanent mit seiner Hand verbunden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es in Thessaloniki 0 oder 30 Grad sind, der Kaffee ist meist kalt und mit ordentlich Eiswürfeln und auf gar keinen Fall darf der kurze schwarze Strohhalm fehlen! Dabei wird vor allem zwei Arten von Kaffee der Vorzug gegeben, dem Frappé, der in der Regel aus Nestlé Instantkaffee gemacht wird und selbstverständlich kalt getrunken wird oder dem Kaffee Fredo, natürlich ebenfalls kalt. Zucker tut hier in der Regel der Barista in den Kaffee und der meint es seeehr gut! Manchmal schmeckt man vor lauter Zucker den Kaffee nicht mehr. Ohne Zucker, ist der Kaffee hingegen so stark, dass man das Gefühl hat, mühelos drei Tage wach bleiben zu können. Einmal die richtige Mischung gefunden, verwächst der Kaffeebecher auch schnell mit meiner Hand und egal wohin es geht, der Kaffee ist dabei.

Ich lasse mich treiben, vorbei an Restaurants und der Shoppingmeile, Richtung Hafen. Auch hier in der Gegend haben einige Gebäude das Feuer von 1917 überlebt, wie schön die Stadt einst gewesen sein muss.
Die Ecke am Hafen, mit den alten Gebäuden, ist beliebtes Ausgehviertel, besonders für Touristen. „Nur gucken, nicht essen“ meint Yorgos routiniert. Wie manch andere Orte in Thessaloniki, wäre dieses Viertel zwar sehenswert, aber besseres und günstigeres Essen gibt es laut ihm, im gesamten Rest der Stadt. Ohnehin wird kein Grieche den ich treffe müde, mich auf das Gute essen hinzuweisen. Nur bei konkreten Empfehlungen tut er sich schwer. Ist alles vorzüglich sagt er, man entscheidet sich schließlich auch nicht für sein Lieblingskind.

Teil 2 des Reiseberichts über Thessaloniki findest du hier