Reisebericht Thessaloniki – Teil 2

 

Teil 1 des Reiseberichts  über Thessaloniki findest du hier

Eine Zeitreise

Vom Platz des Aristoteles, direkt am Meer, zieht sich die Prachtstraße mit demselben Namen hinauf Richtung Hügel. Der Platz wurde nach dem Brand neu angelegt und lässt augenblicklich die charmelosen Gebäude aus den 50er bis 70er Jahren vergessen. Die meist sechstöckigen Gebäude mit ihren von Rundbögen gesäumten Arkaden, strahlen Großzügigkeit aus, ich fühle mich als hätte mein Schiff gerade in einer wohlhabenden Hafenmetropole Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts angelegt. Über meinen Köpfen fliegen die Tauben Formationen am strahlend blauen Winterhimmel, doch schnell ziehen die Markthallen meine Aufmerksamkeit auf sich. Hier geht es zu wie im Ameisenhaufen. Marktschreier brüllen mir etwas entgehen, ich verstehe kein Wort und lasse mich einfach von der Masse, einer Welle gleich, weitertreiben. Vorbei an Ramsch für den Haushalt, frischem Obst und Gemüse, Fisch und schließlich der Fleischabteilung, die nichts für sachte Gemüter ist, denn ihr kann man seinem Abendessen im wahrsten Sinne des Wortes noch in die Augen schauen. Ich kaufe nichts aber genieße das chaotisch bunte Treiben.

Ich schlendere an der Hafenpromenade zurück, in Richtung eines der vielleicht bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, dem weißen Turm. Obwohl, bis ich dort angekommen bin, ist „schlendern“ eher das falsche Wort. Ein schmaler Bürgersteig zwängt sich zwischen einer viel befahrenen Straße und dem Wasser. Hier heißt es besonders am Wochenende Tangotanzen, um sich nicht auf die Füße zu treten. Am weißen Turm angekommen, verschwinden die Autos, die Promenade wird breit und lädt zu einem endlosen Spaziergang am Wasser ein. Es scheint, als fühlt sich die ganze Stadt hier zu Hause und ich kann und will mich diesem Gefühl nicht entziehen.

 

Reisebericht Thessaloniki

 

Wie im Film

Während es in der Woche ein wenig ruhiger ist, verwandelt sich die Promenade am Wochenende und bietet die perfekte romantische Filmkulisse. Niedliche Wägelchen mit Zuckerwatte, Luftballonverkäufer und Kaffeewägelchen laden immer wieder zu kurzem Verweilen ein, ohne dabei grelles Kirmesflair zu verbreiten, sie fügen sich viel mehr perfekt in die entspannte Atmosphäre.
Wenn die Sonne in Thessaloniki im Meer versinkt, den Himmel in gelb, orange und rosa taucht und sich auf der glitzernden Wasseroberfläche verdoppelt, fällt es mir jedes Mal schwer, mich für den richtigen Ort zu entscheiden, um dieses Spektakel zu beobachten. Denn Thessaloniki geizt nicht mit malerischen Aussichten. Gerne versammelt man sich an der „Umbrella“ Statue an der Hafenpromenade. Unzählige Regenschirme schweben hier wie bei Mary Poppins in unterschiedlichen Höhen durch die Luft und geben im Licht der untergehenden Sonne ein besonders schönes Bild ab. Insgeheim ist aber der Aussichtspunkt vom Turm Pyrgos Trigoniou mein Favorit. Er ist Teil der alten Stadtmauer und thront im Stadtteil Ano Poli über den Dächern Thessalonikis. Unbemerkt schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Diese Aussicht, das Licht, die Ruhe, wenn man sich in Thessaloniki verliebt, dann hier.

 

Thessaloniki white tower

Mehr meiner Skizzen findest du hier und hier

Thessaloniki ist vor allem eins: interessant. Nicht extra für den Touristen rausgeputzt und angepasst, wie so manche griechische Insel, bekommt man in Thessaloniki einen ungeschminkten Eindruck vom alltäglichen Griechenland. Angefangen von den zwei Griechinnen im Bus, die inzwischen in Deutschland leben und sich ebenfalls auf Deutsch darüber auslassen, dass die Stadt so viel Potential hat und viel zu wenig aus sich macht. Und sie haben nicht ganz unrecht. Potential und Schönheit sind in der Stadt nicht schwer zu finden, doch bei manchen Dingen scheint man schon vor langer Zeit aufgegeben zu haben, wie den Bushaltestellen, die meist einem verwahrlosten Trümmerhaufen gleichen. Das Slalomlaufen um Hundehaufen gehört auch zu den Tätigkeiten, auf die man gerne verzichten möchte und die simple Internetsuche, welche Fähren auch im Winter fahren, sollte sich nicht zu einer halbtägigen Veranstaltung ausweiten, weil einfach keine Infos auf Englisch zu finden sind.
Dennoch sollte das keinen von einem Wochenendbesuch in Thessaloniki abhalten, denn lieber ein wenig Chaos, als gesichtslose, glattgebügelte Touristenstädte.